Anlage:4. November 2022 Von Wegen Lisbeth

Aus Rockinberlin
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  • Bericht von Hendrik Schröder auf rbb24 vom 5. November

"Die treiben die Columbiahalle in den Wahnsinn
Die Musiker von Von Wegen Lisbeth kennen sich seit der siebten Klasse. Von der Schülercombo sind sie längst zur ernstzunehmenden Popband gereift. Und zum Live-Spektakel. Von Hendrik Schröder Die Geschichte ist natürlich auch super: Fünf Freunde gründen in der siebten Klasse eine Band, fangen mit Rumgeschrammel an, ändern ein paar Mal ihren Namen und ihren Stil - und werden Jahre später eine der besten und erfolgreichsten Popbands aus Berlin.

Die Columbiahalle ist prallvoll an diesem Freitag Abend. Es soll für die Band das Abschlusskonzert, das Finale einer langen Tour zur neuen Platte "EZ Aquarii" sein. Nach ein paar Minuten Intro, bei dem die fünf Musiker im Halbdunkel weirde Sounds produzierend über ihren Instrumenten hängen, schält sich die Melodie von ihrem Hit "Westkreuz" aus dem psychedelischen Gewaber - und die Halle steht Kopf. Und zwar von Takt eins an. Die ganze Halle. Jeder kennt jede Textzeile und manchmal brüllt das Publikum lauter als der Sänger. Das wird hier kein normaler Abend, das ist sofort klar.

Toller Beat, trauriger Text
Von wegen Lisbeth spielen aber auch gut. Bei denen zeigt sich, dass es auch für eine Pop/Rockband gar nicht verkehrt sein kann, es wirklich drauf zu haben und nicht nur über den Ausdruck zu kommen. Wenn man das Können nicht zur Leistungsschau macht, sondern in den Dienst der Songs und der Tanzbarkeit stellt. An einer Stelle machen sie eine Ansage und sagen sowas wie: "Naja, wir kommen ja aus dem Punkrock und da war es uncool ein Instrument zu können und deswegen sind wir immer ganz erstaunt, wenn jemand musikalisch so richtig weiß, was er macht". Pure Koketterie. Die wissen ganz genau, was sie da machen. Die treiben die Halle langsam in den Wahnsinn.

Gerade Basser Julian, der mit Plectrum Bass die Songs so schnell und melodisch zugleich erst richtig zum kicken bringt. Spielt keinen Ton zu viel, keinen zu wenig, mega. Dabei sind die Texte von Von Wegen Lisbeth doch oft so traurig. Immer ist jemand weg und wird vermisst oder es ist kalt oder man musste sehr lange rennen, sowas. Man kann sagen, die Band ist von der Performance, vom Können und auch von der Ausstrahlung her mittlerweile ein bisschen erwachsener als ihre alten Texte. Aber so ist das halt. Die meisten Zuschauer sind zwischen 20 und 30 und singen jede dieser Zeile mit einer Inbrunst, als würden sie genau ihr Leben, ihre Gefühle beschreiben. Und so ist es ja auch.

Auf Naturdroge im Circle Pit
Aber auch Männergruppen um die Mitte 40 stehen da, haben vor dem Konzert noch ausgetauscht, bei welcher Oma welche der Kinder sind und jetzt schreien sie die Refrains an die Decke und schlagen sich gegenseitig feixend auf die kleinen Bäuche dabei. Auf der Empore steht ein vielleicht achtjähriges Kind mit dicken Lärmschutz-Kopfhörern auf den Ohren und springt wild auf und ab. Daneben die Mutter grinsend wie auf irgendeiner abgefahrenen Naturdroge. Man kann das gar nicht oft genug betonen, wie besonders diese Crowd ist. So eine unbedingte Energie, so eine Feierwut, das ist schon außergewöhnlich. Immer wieder bilden sich sogenannte "circle pits", bei denen die Leute an einer ruhigen Stelle einen Kreis bilden, in der Mitte leer und dann bei anziehendem Tempo wie verrückt auf - und ineinander rennen.

Optisch wie Fußballtrainer in Wattenscheid 1984
"Cherie", "meine Kneipe", "Wenn Du tanzt", das neue "Elon", die Band hat seit 2016 drei Platten veröffentlicht und auf jeder waren echte Hits. Schaffen die wenigsten Bands. Und die wenigsten bewegen sich auch so geschmeidig. Wie Sänger Matthias Rode seine Hüfte nach links und rechts schmeißt, in seinem viel zu großen ollen Anzug in Joggingschuhen. Überhaupt tragen die seltsame Klamotten, die teilweise aussehen wie Fußballtrainer in Wattenscheid 1984 aussahen. Schnäuzer, Vokuhila. Können sie aber irgendwie tragen ohne albern dabei zu wirken.

Zwischendurch trommeln sie noch ein bisschen für Spendenaktionen für die Ukraine und die Seenotrettung, auch dafür gibts Jubel, und sie gendern sogar in ihren Ansagen. Mehr kann man ja kaum richtig machen. Eine erwachsene, hungrige, sympathische Band, ein würdiger Tourabschluss - und ein Publikum, das den Ausrastenpreis des Jahres jetzt schon sicher hat."


  • Bericht von Julia Zube auf moz.de vom 4. November

"Album „EZ Aquarii“ – Band feiert Tour-Abschluss in der Columbiahalle Berlin
Ob Fürstenwalde/Spree, Sushi oder Elon Musk: Die Berliner Band greift zahlreiche Themen in ihren Songs auf. Sie brachten die Fans in der Columbiahalle Berlin ordentlich zum Schwitzen. Das letzte Konzert der Tour war etwas Besonderes.

Wie viele andere Bands mussten auch Von Wegen Lisbeth 2019 nach mehr als 50 Shows und 65.000 verkauften Tickets in eine coronabedingte Zwangspause gehen. Die fünf Berliner nutzten die Zeit, um ein neues Album aufzunehmen, das vor zwei Monaten erschien. „EZ Aquarii“, benannt nach einem Sternensystem, wurde auf der diesjährigen Deutschland-Tour – mit Halt in Rostock, München oder Leipzig – frenetisch gefeiert. Die „Captcha Tour 2022“ fand nun ihren Abschluss am Freitag, 4. November, in der Columbiahalle in Berlin – ein Heimspiel für die aus der Hauptstadt stammenden fünf Musiker.

Das letzte Konzert der Tour werde besonders lang, kündigt Sänger Matthias Rohde verheißungsvoll an, nachdem die ersten Songs „Westkreuz“ und „Auf Eis“ verklungen sind. „Wir werden uralte, mittelalte und neue Songs spielen“, so die Band, was nach drei Studioalben natürlich etwas vollmundig klingt.

Ein relativ minimalistisches Bühnenbild im Hintergrund, dafür sind die Instrumente vielfältiger. Bereits zu Beginn hält der Sänger im Nebel einen so genannten „Regenmacher“ in der Hand, um mit der Gefäßrassel die mystische Stimmung vor dem ersten Song zu verstärken. Ob Triangel oder Kinder-Glockenspiel, die Lisbeths haben einen charakteristischen Klang, der auch durch eigenwillige Synthieklänge geprägt ist. Seine Gitarre hält Rohde allerdings so hoch, dass man beim Anblick regelrecht verkrampft. Die fünf Musiker sind eben keine harten Rocker, sondern eher poppig unterwegs.

Kreischende Fans und Kreislaufzusammenbrüche
Das überwiegend junge und weibliche Publikum feiert ekstatisch, sodass bereits vor den ersten Songs in der stickigen, ausverkauften Columbiahalle erste Kreislaufzusammenbrüche registriert werden. Nach gut der Hälfte des Konzerts holen sich die fünf Musiker dann noch Verstärkung auf die Bühne, in Form von Trompete, Posaune und Saxofon. Nur so lässt sich der gewohnte Song der Single „Meine Kneipe“ wiedergeben. Das Publikum singt ausgelassen und lauthals mit. Für den Song „Fundbüro“ kommt dann auch der Berliner Rapper Longus Mongus auf die Bühne. Mit Sonnenbrille singt er die Zeilen: „Sonnenbrille auf, ja, ich fühle mich kacke. Steh' vor meiner Wohnung, Schlüssel in and'rer Jacke“.

Die Luft vor der Bühne wird immer stickiger
Nach diesem doch eher melancholischen Song nimmt das Konzert immer mehr an Fahrt auf. „Wenn du tanzt“, „Bitch“ und „Sushi“ lassen den Saal mit beschwingten Melodien immer mehr kochen. Die Luft vor der Bühne wird immer stickiger, nur auf den oberen Rängen profitieren die Gäste noch von der Klimaanlage. Nach ordentlichen zwei Stunden Spielzeit wird schließlich als Zugabe „Elon“ gespielt, ein Song, der die Anekdote aufgreift, dass Tesla-Chef Elon Musk Anfang des Jahres nicht an den Türstehern des Berliner Clubs Berghain vorbeikam. „Money can't buy you love“ (mit Geld kann man Liebe nicht kaufen) ist der Rat, den die Lisbeths dem Unternehmer geben.

Charity-Projekte liegen der Band am Herzen
Zu den Klängen von „Wieso“ treten die begeisterten Fans dann den Weg nach Hause an. Die Band weist ihre Gäste noch auf zwei Charity-Projekte hin. Zwei Stände am Veranstaltungsort setzen sich jeweils für die Ukraine sowie für zivile Seenotrettung ein. Auch ein Volksbegehren-Infostand befindet sich am Einlass vor der Halle. Hier geht es um das Ziel „Klimaneutralität 2030“. Die Band ist bekannt für ihren Einsatz fürs Klima; sie spielten bereits auf einer Fridays for Future-Demo."