3. November 2003 David Bowie

Aus Rockinberlin
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3. November 2003 David Bowie
A Reality Tour
Privatarchiv Arno P.
Privatarchiv Arno P.
Ort Max-Schmeling-Halle
Uhrzeit 19:30
Eintrittspreis 45,02 Euro (Stehplatz)
Veranstalter Peter Rieger,
MAWI Concert GmbH
Bands/Künstler
David Bowie & Band
Support The Dandy Warhols
Setlist
David Bowie & Band
The Dandy Warhols

Bericht

Anfang der 70er fand ich David Bowie blöd. Überkandidelt. Künstlich. Übertrieben. Manieriert. "Camp" war das englische Wort dafür. David Bowie war camp, und ich fand das blöd. Glitter-Pop, Glamrock, alberne Kostümierungen. Etwas für Kinder, Teenybopper-Kram. Nicht ernst zu nehmen. Nichts für Rocker der Stones-Bob-Dylan-Etcetera-Schule. Wie unrecht ich hatte, dämmerte mir ein paar Jahre später, in einem Alter, als es nicht mehr so wichtig war sich abzugrenzen, um einer bestimmten Szene anzugehören. Und plötzlich stellte ich fest: Hey, dieser Typ ist ja richtig gut. Und seine Band "The Spiders From Mars" der Hammer! Und dieses Album "Ziggy Stardust" von 1972 unglaublich - jeder einzelne Song exzellent.

Dann habe ich mir auch den ganzen älteren Kram nachgekauft. "The Man Who Sold The World", "Hunky Dory". Und ich hab den weiteren Weg verfolgt, die ständigen Veränderungen. Vom überdrehten Rock 'n' Roll über Soul und Pop, Discosounds bis zu düsteren Experimenten mit Brian Eno. Das Chamäleonartige. Die Imagewechsel vom bisexuellen effeminierten Ziggy über einen "Young American" zum "Thin White Duke", dem fragwürdigen Flirt mit den Nazis als "größte Meister des Showbusiness". Drogen, Irrsinn, Schlaflosigkeit in Los Angeles. Zur Erholung nach Berlin, wo er eine Weile wohnte, in der Schöneberger Hauptstraße, über einem Autozubehörladen am Kleistpark. Da hat er manchmal unseren Weg gekreuzt. Auf der Kreuzung. Vor dem "Anderen Ufer". Oder im "Harlekin". Wo die Wirtin fand: "Mensch, der Bowie, der iss ja so kleen!". Auf der Bühne war er immer ganz groß.

Bowie sagte, dass er gerne in Berlin war. Weil er überall hingehen konnte, und ihn die Leute in Ruhe ließen. Deswegen hat er auch später immer wieder gerne in Berlin gespielt. Im Mai 1978 in der Deutschlandhalle sang er vor einer Wand von weißen Neonröhren. Kühl und cool. Als die Ordner ruppig umsprangen mit einem Fan, stoppte Bowie den Song, ließ sich den Misshandelten auf die Bühne bringen, reichte ihm die Hand, und entschuldigte sich für die Ordner. Der kleine Mann auf der Bühne – ganz groß! Dass Bowie immer noch eine Vorliebe für Berlin hegt, spürt man auch noch 25 Jahre später. In der ausverkauften Max-Schmeling-Halle.

Heftiges Intro mit kreischender Mundharmonika, schön schmutziger R&B, dargebracht von bunten Zeichentrickfiguren auf Videowand. Verwandeln sich in echte Figuren. Bowie tutet in die Harmonika. Und die Musiker schleichen als schwarze Schattenrisse über einen Steg längs der Projektionswand. Es brodelt im Auditorium. Verzückte Jubelschreie. Heftige Gitarrenakkorde. Staccato. Bowies Stimme, kräftig und schön: "Hey, hey, your hair is alright - hey baby let's do it". Und das Schlagzeug setzt ein von rechts hinten. "Rebel, Rebel".

Bowie steht ganz vorne auf einem kleinen Steg im Mittelpunkt, betrachtet unter sich das brausende und wogende Publikum, ein Meer von Köpfen und Armen. Blendend grelle weiße Strahler fingern in den Saal. Bowie lacht: "Hey I can see you, you're looking fantastic!" Und sieht doch selbst am besten aus. Mit der flotten Frisur eines jugendlichen Zweifärblers: hellblond und dunkel im Scheitel. Mit engen Jeans und Freakfrack. Den er von sich wirft, um noch jünger zu wirken im ärmellosen T-Shirt. Er geht immer wieder auf die Knie, schlendert zur Bühnenseite, rennt zurück zum Mikro. Die dünnen Beine leicht auseinan-dergestellt, wippend, beide Hände ums Mikro gefaltet. Lässiger Rock 'n' Roll-Stil. Während die Mitmusiker eher unauffällig in ihren eigenen Lichtkreisen verharren. Keyboarder, Gitarristen, Bassistin. Eine solide Begleitband. Kompetent, mehr nicht.

"Fame" klingt grobkörnig und metallisch. Das Pixies-Cover "Cactus" nach stachelig dreckigem T.-Rexigem. Gelegentlich spielt Bowie eine weiße Gitarre. Und einen falschen Anfang. Abbruch, charmantes Verbalgeplänkel und Neuanfang. Später versagt das Mikrofon. Macht nichts, Bowie bleibt souverän, witzig, freundlich. Die kleinen Pannen machen den Auftritt sympathisch, der sonst möglicherweise in der Kühle steriler Perfektion erstarren würde.

Bowie singt mit seiner Unschuldiger-kleiner-Junge-Stimme. Dann wieder hysterische Teenage-Angst. Mit 56. Aber man glaubt ihm. Nimmt ihm diese Gefühle ab. Die Weichheit und die Panik. Die alten Songs, die neuen. Von den jüngsten Alben "Heathen" und "Reality". "This chaos is killing me!" Höllenlärm und hektisches Weißlichtgeflacker. Vielleicht manchmal ein bisschen zu viel davon. Zuviel Ablenkung auf den Bildschirmen. Nach 70 Minuten lässt die Konzentration nach, zumindest hinten, auf den billigen Plätzen. Das Publikum fängt an, sich laut zu unterhalten. Während Bowie leise singt. Eine ruhige Mischung aus Piano-Lounge-Jazz und Ambient Sounds. Chansonnig dunkel verschattet. Das Programm beginnt leicht zu hängen. Wie die kahlen Bäume kopfüber hängen auf beiden Bühnenseiten. Überdimensionale Hexenbesen. Zwischen denen Bowie herumhuscht. "We still got a long way to go" sagt er. Als müsste er eine Durchhalteparole ausgeben. Und die Fans wachen wieder auf. "All The Young Dudes", singen den Refrain, lassen die Arme wehen. Und es kommt tatsächlich noch eine Menge. "Heroes" beschränkt sich aufs Wesentliche. Sehr schön. Wenn auch ein junger Mann im Publikum findet: das sei jetzt aber zu "dähntzig" gewesen. Was immer das heißen mag. Bowie lässt sich nicht lumpen. Schon gar nicht in Berlin. Nach zwei Stunden und zwei Dutzend Songs noch neun Zugabe. Die besten Stücke des Abends. Vier vom Ziggy Stardust-Album.

"I'll be honest with you", sagt David: den nächsten Song hätten sie erst heute Nachmittag ausprobiert, und dass er nicht wisse, ob sie den jetzt richtig hinkriegen: "Five Years". Und wie sie ihn hinkriegen. Und "Hang On To Yourself" mit dem schönen Eddie-Cochran-Riff. Ein furioses "Sufragette City". Und schließlich "Ziggy" selbst: "When the kids have killed the man they had to break up the band!" Etwas schmerzlich vermisst man Bowies alte Band, die furiosen "Spiders > From Mars", den grandiosen Gitarristen Mick Ronson, der all diese knalligen Riffs erfunden hatte, und der leider vor einigen Jahren an Krebs gestorben ist. Vielleicht hätte Bowie gerne noch mal drei Stunden gespielt. Solchen Spaß hat es ihm gemacht. Berlin war schon immer etwas Besonderes für ihn.

H. P. Daniels im Tagesspiegel am 4. November 2003.

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